Nach den positiven Rekorden nun die schmerzliche Gegenreaktion.

Seit längerer Zeit suchen die Märkte nach Gründen für eine Korrektur, und es gelang bislang nicht, die treibenden Marktkräfte zu bändigen. Nun haben die Investoren einen Grund, sich von den Märkten zu verabschieden und so die Preise deutlich und anhaltend nach unten zu drücken. Unsere Risikoindikatoren haben binnen wenigen Tagen dramatisch nach oben ausgeschlagen und uns zum Handeln gezwungen. Wir haben in unseren Portfolios innert Wochenfrist die Sachwertquote auf das tiefste Niveau reduziert und sie in den Schutzmodus gestellt.

Wie ist die aktuelle Börsenlage zu erklären? Wie kann eine solche Kehrtwende von Rekordlaune zu plötzlicher Verkaufspanik passieren? Nüchtern betrachtet wussten alle Anleger, dass die zehnjährige Hausse nicht ewig andauern wird und irgendwann ein Ende finden muss. Das Coronavirus ist vor diesem Hintergrund vermutlich nicht der wirkliche Grund für die massiven Kurseinbussen. Deshalb scheint es uns wichtig, den Anlass nicht als Grund zu interpretieren – denn das könnte zu falschen Einschätzungen führen und massive Implikationen für die nächsten Schritte haben. Was sind nun die wirklichen Gründe für das Blutbad an den Börsen, das ein einzigartiges Ausmass angenommen hat und weltweit zu beobachten ist?

Nach einer zehnjährigen Hausse haben die Aktienbörsen nach einem Grund für eine Korrektur Ausschau gesucht, und sie haben ihn gefunden
Der Hauptgrund für die aktuellen Rückschläge ist die einzigartige Börsenhausse, die die Kurse in den letzten Jahren unaufhaltsam nach oben geschraubt hat. Eine sportliche Bewertung kann sich nicht immer nur in eine Richtung bewegen. Rückschläge treten üblicherweise dann ein, wenn sich die Bewertungen weit von den realen Gegebenheiten entfernt haben, oder wenn sich die Erwartungen der Investoren dramatisch verändern. Die jüngste Entwicklung scheint beide Faktoren zu beinhalten und fällt deshalb besonders rasch und heftig aus. Ob sich eine Neueinschätzung und die einhergehenden Neubewertungen nun einstellen, wird sich in den kommenden Monaten weisen. Erfahrungsgemäss sind solche massiven Reaktionen eher von kurzer Natur. Länger andauernde Rückschläge laufen meist langsamer ab.

Annahme der schlimmsten Entwicklung des Coronavirus führt zu einer Überreaktion an den Börsen
Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Verbreitung des Coronavirus und der Massnahmen der Regierungen zur Eindämmung der Epidemie sind gravierend, dürften jedoch temporärer Natur sein. Die Gefahr einer Konjunkturabschwächung ist hoch, wenn auch nicht sicher. Die Pandemie ist unbestritten eine ernstzunehmende Gefahr. Die Reaktionen der Behörden verschiedener Staaten und der Weltgesundheitsorganisation fallen unterschiedlich aus und werden von den Medien einseitig als Hiobsbotschaften wiedergegeben. Damit sich das Virus nicht ungehindert und explosionsartig verbreitet, werden zurzeit richtige Massnahmen rasch getroffen, wie zum Beispiel das Verbot von Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern durch den Bundesrat. Denn die schnelle Verbreitung scheint die grösste Gefahr des Covid-19 zu sein.

Fakt ist, dass sich eine Vielzahl von Investoren in den letzten Tagen an der schlimmstmöglichen Entwicklung ausgerichtet haben, wohl auch beeinflusst von den Medien und sozialen Netzwerken. Die Börsen antizipieren zurzeit eine deutliche Abschwächung der Weltkonjunktur – eine Annahme, die auf Basis einer nüchternen Beurteilung der Sachlage nicht erhärtet werden kann.

Zwangsliquidationen wegen Belehnungslimiten
Ein weiterer wichtiger Grund für die Kurseinbrüche sind Zwangsliquidationen. In den letzten Jahren haben viele Berater und Verwalter von Vermögen nur eine Erfahrung gemacht: Je schnittiger die Anlagepolitik, desto besser die Resultate. Das führte bei vielen Banken zur Tendenz, einen möglichst hohen Anteil an Lombardkrediten auf ihre Kundenportfolios zu empfehlen. Auch grosse Investoren haben die tiefen Zinsen genutzt, ihre Portfolios zu hebeln und in den letzten Jahren vorteilhafte Renditen daraus gezogen. Diese Blase scheint nun zu platzen, und viele Portfolios mit entsprechendem Leverage, oder Teile davon, müssen zu jedem Preis liquidiert werden.

Risikoaverse Investoren auf der Suche nach Renditen haben die Aktienmärkte anfälliger gemacht
Wegen den tiefen Zinsen ist die Investition in Aktien in den letzten Jahren das moderne Sparen geworden. Solange die Investoren auch die Risikoneigung von Aktienanlegern haben, ist dagegen auch nichts einzuwenden. Da sich mangels Renditen an den Bondmärkten immer mehr konservative Investoren dem modernen Sparen zuwandten, hat sich der Anteil der «scheuen» oder risikoaversen Investoren an den Aktienmärkten jedoch deutlich vergrössert. Das macht die Börsen für Rückschläge deutlich anfälliger, da sich diese Investoren bei Rückschlägen weit schneller von ihren Aktien trennen.

Fazit
Das Coronavirus scheint uns nicht der Grund, sondern der Anlass der beobachteten Bereinigung an den Aktienmärkten zu sein. Zudem scheinen in der Berichterstattung über die Entwicklung der Pandemie gute Nachrichten gänzlich zu fehlen. Es sollte deshalb davon ausgegangen werden, dass sich dies durchaus ändern könnte. In China zum Beispiel scheint die Geschwindigkeit der Ausbreitung des Covid-19 stark reduziert worden zu sein.
Die Regel «Don’t catch a falling knife» sollte auf jeden Fall beachtet werden. Der Prozess der Konsolidierung wird einige Zeit benötigen, sodass keine Eile für Investitionen besteht. Die oben erwähnten Gründe der Rückschläge an allen Aktienmärkten der Welt bergen auch Potenzial:

  • Die Rückschläge führen zu einer gesunden Bereinigung der spekulativen Marktteilnehmer, die ihre Investitionen teilweise mit Lombardkrediten finanziert haben.
  • Risikoscheue Investoren haben in den letzten Tagen ihre Entscheidung, ihre Einkommen durch Dividenden zu verbessern, bereits wieder bereut und ihre Aktienpositionen zu deutlich tieferen Kursen veräussert. Wie lange diese Verkaufswelle andauern wird, ist allerdings schwer abzuschätzen.
  • Eine Konjunkturabschwächung ist in den aktuellen Kursen mehrheitlich eingepreist. Zurzeit scheinen uns die Reaktionen eher panikgetrieben als fundamental unterlegt.
  • Verschiedene Titel haben durch die undifferenzierten, massiven Kursrückschläge rekordhohe Dividendenrenditen erreicht. Wo diese Dividenden aus vernünftigen Pay-out-Ratios bestritten werden und aus stabilen Geschäftsfeldern stammen, sollten sie auch gehalten werden können.

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